
21.10.2008
Täglich erreichen mich mails und Grüße von Menschen, die ich schon lange kenne oder aber von welchen, die per Zufall auf meine Seite stoßen und interessiert meine Geschichte lesen. Vielen Dank! Jeder einzelne Zuspruch, jede aufbauende Anerkennung tragen zu meiner Genesung bei.
Seit ein paar Tagen sitze ich wieder auf meinem Pferd und lasse mich therapeutisch über die Felder führen. Er kann es noch nicht ganz verstehen, weshalb wir nicht wie früher im Galopp lospreschen und tänzelt aufgeregt auf der Stelle. Ruhig Brauner, laß dem Polytrauma noch ein paar Wochen Zeit!
10.10.2008
Ein halbes Jahr später: Für mich, meine Ärzte und Therapeuten, Freunde und Familie klingt es wie ein Wunder. Ich stehe, laufe und hüpfe schon wieder auf meinen eigenen Beinen – vorsichtig. Wir alle hätten es nicht zu träumen gewagt, was mein Körper gemeistert hat. Diese Sichtweise, die mir der Unfall auf meinem Fachgebiet der Medizin beschert hat, ist ein Erfahrungsschatz, der meine Arbeit als Ärztin von anderen Schulmedizinern und Therapeuten abheben wird. Alles ist möglich und ich sehe es als meine Aufgabe, keinem Patienten diese Illusion zu nehmen, sondern ihn auf die Art und Weise zu unterstützen, wie es für ihn richtig ist.

5.10.2008
Seit 2 Wochen bin ich auf Ibiza, dem Ursprung der ganzen Geschichte. Interessanterweise fühlt es sich an unterschiedlichen Plätzen oder beim Treffen von Menschen von der Insel, mal ewig her und mal wie gestern an. Daran sieht man mal wieder welchen großen Einfluss unsere Emotionen auf unser Empfinden haben, objektives Betrachten ist kaum möglich.
Wie schon während meines Krankenhausaufenthaltes angedacht, habe ich meine innere Herausforderung angenommen und bin von einer vorgelagerten Insel (Es Palmador) nach Formentera geschwommen. In Begleitung eines Schlauchbootes und entlang der Küste Formenteras genoss ich das kristallklare Wasser. Trotz herrlichem Sonnenschein und wenig Wind hatte ich mit Strömungen zwischen den Inseln und kleinen Wellen zu kämpfen. Nach 1,5 Stunden war diese Trainingseinheit vorüber und ich meiner Zuversicht in meinen Körper einen weiteren Schritt weiter.

10.9.2008
5 Monate sind vergangen und ich bin sehr stolz auf das, was mein Körper erreicht hat. Diese erfahrungsreichste Zeit in meinem bisherigen Leben möchte ich nicht missen. Viele Menschen fragen mich andächtig, wie ich denn mit der Langweile des Krankseins umgehen würde. Spannend, als ich in der Klinik als Ärztin arbeitete fragte mich jeder, wie es denn möglich sei, meine täglichen sportlichen Trainingseinheiten unterzubringen. Jeder schafft seine eigene Wahrnehmung in seiner Realität. Wie Du Dinge erleben möchtest entscheidest Du allein.
Mein Röntgenbild zeigt das Endprodukt aus Frakturen des Kreuzbeins, des Schambeins, des Hüftkopfes und des Schenkelhalses. Mein kleines inneres Kunstwerk.

29.8.2008
Rechts ist Gas. Die Anstrengungen des täglichen Schwimmtrainings zeigen Erfolge: Beinschlag, mit Flossen, gegen Widerstand, Sprint! Eine geht noch, höre ich meinen Trainer rufen. Manchmal willst Du nicht mehr, wozu die Anstrengung, innerlich denke ich bloß nicht noch eine Bahn. Ich kämpfe, jetzt bloß nicht schlapp machen, dann die Entspannung: Ausschwimmen, Sauna, Ruheraum. Nach Höchstleistungen sind Geist und Körper im Einklang. In diesem Zustand der inneren Harmonie können wir klar denken. Diese Ruhe ist herrlich und jede Anstrengung zuvor wert. Das 5 wöchige Training hat mich weiter gebracht, ich spüre mich dem Alltag etwas näher, dem Alltag ohne Routine.

20.8.2008
Kitebedingungen auf der Düne: Siedshore Wind, Flachwasser hinter der Mole, daneben ein klarer Nordseeswell mit lang auslaufenden Wellen. Mein Herz schlägt höher, zusammen mit einer kleinen Portion Wehmut. Hier habe ich meine schönsten Tage beim Surfen erlebt.
Das Kurzvideo unter www.finishstrongmovie.com hat mich sehr berührt, jetzt geht es darum wieder zur eigenen Kraft und Leistung zurück zu finden. Oft denke ich: Das gröbste ist überstanden, nein, jetzt heißt es jeden Tag aufs Neue die Herausforderung zu sehen und anzunehmen. Alles ist möglich, man muss es nur wollen.

14.8.2008
Helgoland im Sturm: Böiger Wind, Sonne und Wolken, salzige Gischt der tobenden See. Das lässt meine Energiereserven voll tanken.
Mit meinen Stützen komme ich ohne menschliche Stützung nicht gegen den Wind an. Dennoch schenkt mir dieses Gefühl der Machtlosigkeit eine tiefe Stärke und meine Freudenschreie werden vom Wind weg getragen. Momente in denen sich Deine Hand zwischen Krücke und Geländer entscheiden muss, um nicht zu stürzen, oder Dein Körper plötzlich einige Meter nach vorne gestoßen wird und unfähig ist, die Stützen im gleichen Tempo unter den Schwerpunkt zu bewegen, da bist Du präsent. Kein Platz für Fragen: Wann sind die Schmerzen endlich weg, wann kann ich wieder normal gehen, wann ist alles verheilt? Das ist der Grund weshalb wir nach jedem Abenteuer, sei es auch nur ein Spaziergang im Sturm, klar und präsent im hier und jetzt sind. Diese sorgenfreien Momente wahrzunehmen ist ein Schritt in die richtige Richtung.

13.7.2008
Meine erste Reise bringt mich in die Schweizer Alpen nach Champex. Dort treffe ich interessante Menschen, die sich ebenfalls mit dem Gedanken befassen, dass die Heilung in unserem Kopf und in unserer Wahrnehmung stattfindet. Unser Gehirn und Nervensystem kann nicht immer eine imaginäre Situation von einer tatsächlich geschehenen unterscheiden. Ein Bild oder eine verbale Andeutung kann nicht unbedingt von einer realen Situation abgegrenzt werden. Das ermöglicht uns ein immenses Spektrum an Fortschritt sei es im Sport oder während der Heilung von Krankheiten. Während der 4 Wochen, in denen ich mich nicht bewegen konnte bin ich gedanklich etliche Kilometer geschwommen. Meine Therapeuten waren erstaunt als ich das erste Mal ins Schwimmbecken gestiegen bin und auf Anhieb los kraulte. Erstaunlicherweise habe ich kaum die dafür nötigen Muskeln verloren, noch mangelte es an der Technik und Koordination. Unsere Vorstellung von der Realität kreiert sie.

29.6.2008
Zuhause bei Haus und Hof. Nach fast einem viertel Jahr nicht jeden Morgen um 6:30 Uhr aufstehen, schlafen in einem normalen Bett und keine tägliche Visite. 120 Bauchspritzen gegen Thrombose liegen hinter mir. Also, Zeit für einen neuen Haarschnitt!
Dennoch, keine Zeit ist besser oder schlechter. Es liegt an einem selbst immer wieder Augenblicke zu finden, die einen genießen lassen. Amuse yourself!

25.6.2008
Ein Röntgenbild hat sich in den Weg der euphorischen Besserung gestellt. Mein Röntgenbild. Frakturenden, die noch nicht miteinander verknöchert sind haben mich von meinem Höhenflug erneut zu Fall gebracht. Sie haben es zumindest versucht! Objektive Beobachter wiesen mich in die Schranken: Es ging dir gut vor dem Bild, du verkörperst Kraft und Mut. Es hat sich nichts verändert, kein Sturz, keine falsche Bewegung, nur ein Bild. Es liegt mal wieder an mir, meine Welt als Mediziner beiseite zu lassen, auf meinen Körper zu hören und nicht jede mir bekannte „Nebenwirkung“ ins Bild zu lassen.

17.6.2008
Das Erwachen jeden Morgen bringt mich zurück auf den Boden der Realität. Irgendwie kann ich mir vorstellen, dass ich auf einmal einfach aus dem Bett hüpfen könnte. Vorsichtig beuge ich meine Hüfte, vielleicht klappt es ja heute ohne Schmerzen? Langsam taste ich mich ran, sorgfältig versuche ich zu spüren, was mit meinem Bein vor sich geht. Körperbewusstsein. Physische Intelligenz. Das ist die vielleicht größte Herausforderung in meiner momentanen Heilungsphase. Klar kenne ich als Sportler meinen Körper, aber weiß ich wirklich wann er erschöpft ist, wann das Übungspensum erreicht ist, wann er nach Neuem, wann nach Gewohntem verlangt? Mein Unfall macht mich sensibler und öffnet mir den Weg raus aus der „Taubheit“ mit der wir Extremsportler gerne unseren Körper fit halten. Der breiten Masse geht es nicht besser, auch sie hat verlernt auf den Körper, auf den Instinkt zu hören. Wir Deutschen sind vermutlichen die am meisten kopfgesteuerten Menschen! Und wir machen unsere Arbeit gut!

10.6.2008
Ein Highlight der ersten Woche Rehabilitation: Stand ohne Stützen am idyllischen Albsee. Neuauftretende Schmerzen quälten mich letzte Woche, woher, warum? Hüftkopfnekrose, dieses Wort höre ich von allen Seiten. Meine ansonsten sehr positive Einstellung minimiert sich, ich fühle mich wie ganz am Anfang, mein Umfeld an Freunden und Therapeuten inklusiv. Realistisch gesehen: Das Risiko besteht eindeutig, aber ändere ich etwas daran, indem ich mich dem Ganzen hilflos ergebe? Na also: Weiter kämpfen, das Positive suchen und das, was nicht funktioniert nicht verdrängen, sondern anerkennen. Das ist der Weg, das Ding zu drehen. Plötzlich sieht mich mein Team wieder in anderem Licht, nicht die Anderen sind für mich verantwortlich, ich bin es. Als Sportler weiß ich mit Niederlagen umzugehen, als Mediziner lerne ich mit der gesteigerten Sensibilität betroffener Patienten umzugehen und prägende Diagnosen mit Vorsicht zu äußern.

24.5.2008
Einen Tag Landluft schnuppern, zuhause bei Pferd und Hund.
Dis-ease bedeutet die Erkrankung, das Unwohlsein. Eigentlich weißt es auf die Stelle hin, die nicht in Ruhe ist, die nicht erfüllt ist mit Leichtigkeit (=ease). Als Ärzte stürzen wir uns auf diese Stellen. Als Coach verlagern wir die Aufmerksamkeit auf die Bereiche in denen wir Freude, Leidenschaft und Leichtigkeit spüren. In meiner Lage als Patient spiele ich mit beiden Seiten und wir fällt auf, je mehr ich die funktionierenden Bereiche wertschätze und die funktionseingeschränkten Teile nicht schlecht mache, umso besser spielt das gesamte Team zusammen. Bildlich gesprochen lernt meine operierte Hüfte von der nicht-operierten Seite in puncto Funktion, Durchblutung, Schmerz und Struktur. Dieser Unfall hat mich zum Coach meines Körpers gemacht und meine Aufgabe besteht darin, das Team zum Worldcup zu führen.

19.5.2008
Wie neugeboren durfte ich heute die Einheit meines Körpers mit dem Wasser spüren. Das Gehen ist schwerelos, die Übungen wie ferngesteuert und das Wasser wie ein Meer aus weichen Wolken um einen herum. Dennoch konnte ich es nicht abwarten die langweiligen Übungen abzuschließen und einzutauchen, richtig zu schwimmen, meine langersehnten Bahnen zu kraulen! Das ist meine Neugeburt, das ist mein Element und das ist mein Ziel: Das Langstreckenschwimmen von Ibiza nach Formentera. Wer hinter mir steht spielt mit, wer sich mir in den Weg stellt wird überrollt.
You can win or you can whine!


7.5.2008
Die Welt liegt mir zu Füßen! Der erste Tag an dem ich einen Schritt vor die Tür gesetzt habe und in Kontakt mit anderen laufenden Wesen gekommen bin. Auf einmal erscheine ich riesig, wie langgezogen und mein Umfeld klein und abgeschnitten. Der Perspektivenwechsel aus liegender Position, in der jeder auf dich hinab blickt hin zur Senkrechten ist gewaltig. Nun ja, das rechte Bein scheint auch 2 cm länger nach der Operation....

5.5.2008
Nach fast 4 Wochen bin ich heute drei Schritte nach vorne und drei Schritte zurück gelaufen. Welch Wahnsinnsleistung meines Körpers mich für wenige Minuten in der Senkrechten zu halten. Der Augenblick zu stehen und die Machtlosigkeit nicht zu wissen wie lange die Durchblutung des Gehirns der Schwerkraft statthält bevor man in sich zusammen sackt ohne willentlich eingreifen zu können, das ist eine weitere Erfahrung auf dem Weg in die Gesundheit zurück. Euphorisch ging ein Raunen durch meinen Körper als ich seit langem wieder meine Laufschuhe an den Füßen spüren durfte. Normal und doch ein unvergesslicher Augenblick. Der Weg liegt vor mir!

3.5.2008
Das Foto der ersten Delfine vor Ibiza hat mich heute erreicht. Allein deren Anblick läßt meine Heilung fortschreiten. Die Vorstellung ihrer Bewegung aktiviert meine Bewegungsmuster von Kopf bis Fuß. Ein Großteil meiner physischen Übungen besteht darin mir Bewegungen vorzustellen. Das aktiviert Nerven, die Impulse zu den jeweiligen Muskeln weiterleiten und das wird unter anderem die Grundlage bilden für die ersten Schritte kommende Woche. Bewegungsausmaße können so minimal sein, daß wir sie nicht wahrnehmen können, dennoch leistet unser Körper wie in meinem Fall Höchstleistungen. Dafür erkenne ich ihn an und ich zeige ihm, daß ich mit seiner Leistung zufrieden bin. Wenn es an einem Tag mal nicht so klappt mache ich meine verletzten Körperteile nicht schlecht, sondern gebe ihnen Verständnis und Mitgefühl entgegen. Ich erkenne sie auch dafür an. Diese Leichtigkeit ist wie aus dem Wasser springende Delfine.

Nun aber zu meinem neuen Titel "Healing Vibrations". Kurz vor meinem Unfall kreierten mein Coach Martin Sage und ich ein neues Projekt, das meine Erfahrungen in der Medizin, dem Coaching und dem Körperbewußtsein durch den Sport vereinen soll. Und dann passierte die Situation, die mich jetzt genau das erleben läßt, das ich eigentlich als Außenstehende meinen Kunden und Patienten gerne näher gebracht hätte. Jetzt lebe ich meine Healing Vibrations und berichte darüber in meiner TV Show www.mogulus.com/healingvibrations

Seit 20 Tagen bin ich nun ans Bett gefesselt und weitere 7 stehen mir noch bevor. Dennoch bin ich guter Stimmung und ungemein stolz und neugierig auf meinen Körper. Die Operation verlief sehr gut, die Röntgenbilder sehen mit den korrekt angeordneten Schrauben wie ein Meisterwerk aus. Jetzt muß alles heilen und ich werde zum Coach meines Körpers, der jedes Körperteil als Teammitglied wertschätzt und jedem das gibt was er braucht. Es geht darum, die Verantwortung für sich zu übernehmen und den Weg der Heilung anzutreten. Unterstützt werde ich dabei von meinem Team an Chiropraktiker, Businesscoach, Ernährungsberater und Osteopathen sowie von den Ärzten, dem Pflegepersonal und den Physiotherapeuten vor Ort.

Vom Krankenbett im Flieger nimmt mich mein Vater und sein Rettungsteam am Stuttgarter Flughafen in Empfang und ab geht´s auf schnellstem Wege in den OP. Derartige Situationen kannte ich bisher nur von der anderen Seite.
Nach dem Motto: "We must be willing to get rid of the life we´ve planned so as to have the life that is waiting for us" nehme ich diese neue Herausforderung in meinem Leben wahr.

Am 10.4.2008 erlitt ich auf Ibiza einen schweren Kiteunfall, der den Transport nach Deutschland zur Folge hatte und die traumatologische Versorgung in der BG Klinik in Tübingen. Der Flug im Jet war kurzweilig, das Ärzte- und Pilotenteam sowie mein Freund Philipp kreierten eine gute Stimmung und sorgten für eine gelassene Atmosphäre.
