20.2.2010
Liebe Begleiter auf meinem Weg der letzten beiden Jahre: Euer Zuspruch und eure Zuversicht in mich hat mir viel Kraft geschenkt und hat mich die schweren Momente und Rückfälle tapfer durchstehen lassen. Die kleinen Erfolge und Fortschritte durfte ich mit euch feiern und diese Motivation habe ich mitgenommen. Ich habe viel gelernt und erfahren. Der Unfall hat mich verändert. Vieles ist klarer, Nichtigkeiten prägen meine Aufmerksamkeit weniger und ich gehe meinen Weg, indem ich immer noch jeden einzelnen Schritt genieße. Die Zeit hat mir gezeigt, dass nur ich meinen Weg kennen kann und alle gut gemeinten Ratschläge nichts als gut gemeinte Ratschläge sind.
Es ist nun an der Zeit das Genesungstagebuch zu beenden. Irgendwann hat alle Genesung ein Ende. Das heißt nicht, dass es für mich nicht weiter geht an mir zu arbeiten. Ich möchte weitere Fortschritte sehen. Unter der Rubrik News werdet ihr mein Motto: ‚Better than ever' weiter verfolgen können. Ich freue mich auf eure Begleitung.

15.2.2010
Fast ein halbes Jahr ist seit der Operation vorüber. Ab und zu zwickt es ein bisschen und wenn ich müde bin, falle ich gelegentlich in alte Bewegungsmuster zurück. Dennoch wache ich jeden Morgen auf, spüre in mein Bein hinein, bewege es in alle Richtungen und freue mich, dass ich keine Schmerzen habe. Der erste Schritt aus dem Bett ist für mich immer noch unvorstellbar: Hurra, ich habe keine Schmerzen mehr! Wie ein kleines Kind kann ich mich darüber freuen. Jeden Schritt, den ich durch den tiefen Schnee stapfe, stärkt meine Muskeln, das Schwimmen übernimmt den Rest. Bald bin ich wieder auf dem Wasser!

31.1.2010
Eingeschneit auf Fehmarn. In voller Schneemontur stapfe ich durch den Schnee. In manchen Verwehungen stecke ich bis zum Bauchnabel fest. Mit dem Auto komme ich nicht mehr weiter. Höchstanstrengung für die Hüfte, vor allem wenn dann der Untergrund spontan nachgibt oder die Eisplatte hinterhältig bedeckt ist von trügerischem Neuschnee. Es fällt sich weich! Hatte ich meinen Patienten nicht immer verboten bei diesen Bedingungen vor die Tür zu gehen? Wenn man eingeschneit ist herrschen andere Regeln! Wie ein Engel auf Erden liege im Schnee, genieße es wie weit meine Hüfte schon wieder ist und freue mich auf die heiße Tasse Kakao vor dem Ofen.

25.1.2010
Gestern brach das Eis unter mir. Trotz Warnung begab ich mich aufs Glatteis. Man muss das ja schon selber ausprobieren, ob die Ostsee schon trägt oder nicht. Bitter kalt, bis zum Knie, das fördert die Durchblutung! Heute stand ich auf der gefrorenen Ostsee - noch mit wackeligen Knien und bereit zum Absprung. Mittlerweile laufe ich schon wieder wie eine ‚Große', sehne mich aber schon wieder nach dem Erreichen des nächsten Etappenziels: Wann kann ich endlich wieder rennen?

19.1.2010
Kürzlich begegne ich einem Pferdetrainer, und ich frage ihn: ‚Mit welchen Methoden erreichst du, dass ein Pferd sehr schnell läuft?' Der Pferdetrainer antwortet: ‚Ich teile die Pferde in drei Arten ein. Die erste lernt sehr schnell. Ich brauche dem Pferd nur die Reitpeitsche zu zeigen, und schon läuft es schnell - das ist die beste Art. Die zweite Art von Pferden muss ich ständig peitschen, sonst laufen sie nicht. Die dritte Art ist dagegen ganz schwierig. Auch wenn ich sie dauernd peitsche, legen sie sich hin und stehen nicht auf, um zu laufen.'
Ich frage Ihn: ‚Was machst Du mit diesen Pferden?' Der Pferdetrainer sagt: ‚Ich gebe mich gar nicht mit ihnen ab.'
Meine Erfahrung zeigt mir, dass es sich mit dem Verständnis von Menschen genauso verhält. Nur ein Teil der Menschen kann mich verstehen; für die meisten ist das, was ich tue nicht nachvollziehbar. Sie bringen Dich nicht ans Ziel und Du bringst sie nicht ans Ziel.
In diesem Sinne frohes Stapfen durch den Schnee.

5.1.2010
Im Westen von Ibiza begebe ich mich auf die ersten kleinen Wanderungen. Mini-Strecken und viele Pausen geben mir die volle Erfüllung. Auch wenn ich acht geben muss, um mit meinem tauben Fuß nicht mit Wurzeln oder Steinen zu kollidieren, es ist herrlich. Jeder Schritt, der einem harmonischen Bewegungsmuster folgt erfüllt mich mit Freude, wie ein Kind, das gerade lernt seine ersten Meter zu gehen. Ich lerne das Laufen neu und ich kann nur sagen, es ist komplex und eine wunderbare Erfahrung. Schade, dass man dieses bewusste Gefühl irgendwann wieder verlieren wird.

31.12.2009
In den letzten 10 Tagen konnte ich wieder einmal miterleben, wie der Verstand eine Diagnose verinnerlicht und man sich plötzlich kränker fühlt, als man tatsächlich ist. Verdachtsdiagnose Bandscheibenvorfall, na prima, das fehlt mir ja noch in meiner Sammlung. Rückenschmerz? Nein! Obwohl, jetzt, nach ein paar Tagen mit diesem Verdacht, schon eher, ja, da zieht es schon ab und zu. Verdammt, lass das MRT bloß keine Pathologie aufweisen. Ja, ausgeschlossen.
Hmm, es könnte auch eine Erkrankung sein, die ihre Ursache im Gehirn hat. Oh ja, noch besser! Wusste schon immer, dass da oben etwas nicht stimmt! Verdacht auf Multiple Sklerose, ich? Allein der Gedanke daran lässt mich komplett erlähmen. Wieder ins MRT und wir betrachten meinen Kopf in Scheiben geschnitten und völlig gesund. Ich bin froh, dass ich die gesamten unangenehmen Verdachtsdiagnosen im alten Jahr lassen durfte.
Prosit! Frohes Neues Jahr!

23.12.2009
Rückschlag! Seit einigen Tagen behindern Taubheitsgefühle und Lähmungen im Fuß den weiteren Fortschritt. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Das Feedback von allen Seiten ist klar. Das exzessive Training war zuviel des Guten. So heißt es über die Weihnachtstage erst einmal: Slow down. Das ist wie im wahren Leben. Gerade denkt man, dass alles überstanden ist, schwupps, zeigt einem das Spiel des Lebens wieder einmal wo es lang geht. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten an Euch alle.
„Inmitten von Schwierigkeiten liegen günstige Gelegenheiten." A.Einstein

Meine erste Tour

5.12.2009
Laufen, gucken und reden - vor wenigen Wochen wäre das nicht ansatzweise möglich gewesen. Wieder in der Klinik, diesmal zum Training an Geräten, sieht man mir kaum noch an, woran ich operiert wurde oder was ich denn überhaupt habe. Die „Wackelübungen" zur Schulung der Propriozeption lassen die anderen Patienten rätseln: 'Entschuldigung, aber so etwas haben wir hier noch nie gesehen. Was haben sie denn?' Meine Therapeuten und ich schmunzeln. Das Bein ist wieder mein!

28.11.2009
Porsche Arena Stuttgart. German Masters, das Reitspektakel schlechthin. Menschenmassen drängen sich an mir vorbei. Es fällt mir auf, dass die vorübergehenden Menschen das erste Mal wieder direkt in mein Gesicht sehen und nicht verstört auf meinen Bewegungsapparat. Daraus schließe ich, dass sich mein Gangbild nicht wesentlich von dem der anderen unterscheidet. 20 Monate später.... Geschafft! Ein weiterer Meilenstein ist erreicht.

18.11.2009
Ich war mir sicher, dass ich es konnte! Es war wie immer, als ob es nie eine Zeit gab, während der ich es nicht tun konnte. Heute sattle ich mein Pferd, steige auf und ab geht´s. Schritt, Trab, Galopp, ein kleiner Sprung zur Gegenseite - harmonisch, ohne ein Gefühl, dass da etwas Künstliches in mir steckt. So normal und doch so schön.

8.11.2009
Das Leben ist ein Genuss! Von Tag zu Tag erinnere ich mich an die Zeit, die ich zuletzt auf Maui verbrachte und dachte, dass die Schmerzen eigentlich nicht vorhanden seien. Wenn man sich in diesem Rad befindet, ist es einem nicht bewusst, wie viel Schmerz und Leid man auf sich nimmt und diesen Zustand als „normal" bezeichnet. Die Schmerzfreiheit, die wiedererlangte Beweglichkeit, die Kraft, es ist immer noch neu und unbegreiflich, wie am ersten Tag. Wundervolle Therapeuten, strenges Training, Erholung und interessante Menschen lassen jeden Tag zu einem Fortschritt werden.
‚Life isn´t about how to survive in the storm but how to dance in the rain.'

29.10.2009
Kleine Strecken ermüden mich enorm und dabei fühle ich mich körperlich fit. Innerlich überkommt mich ein Gefühl der Stagnation und der Überwältigung: Wie soll das jemals wieder gut werden? Während dieses Tiefpunktes treffe ich mich mit meinem Feldenkrais Therapeuten: Relax. Let´s see what is really there. Ich sah ihm seine Erschrockenheit an, als er mich laufen sah - humpelnd - immer noch. Nach der Behandlung laufe ich unbemerkt ein paar Schritte für mich und plötzlich ruft er: Merkst Du das? Was? Der Oberkörper bleibt im Lot, kein Hinken. Wow, das ist ein Highlight. Nach 20 Monaten die erste kurze Strecke mit normalem Gangbild. Tief zufrieden geht dieser Tag des Fortschritts zu Ende. Wenn man alles aufgibt und denkt es geht nicht mehr weiter, dann erscheint meist ein Sonnenstrahl.

25.10.2009
Zurück auf der Aloha Insel. Für die Krücken ist kein Platz mehr. Anstelle derer schmücken Nordic Walking Stöcke mein Erscheinungsbild. In Vancouver fragt mich ein Mann im Aufzug des Hotels, ob ich zum Skifahren gekommen sein - Olympiade 2010! Noch nicht ganz, antworte ich, habe eine Hüftoperation hinter mir. Gegenfrage: Gehen sie zum Schwimmen mit ihrem Schwimmreif? Nicht wirklich, sagt er, ich habe Hämorrhoiden. Small talk im Aufzug!

17.10.2009
Hermann Meier feiert seinen Abschied vom Rennsport. Sein Comeback nach dem schweren Motorradunfall hat mich fasziniert und eine Vorbildfunktion geschaffen. Wenn ich unsere Erfahrungen vergleiche kommt der Gedanke auf: Er hat zumindest sein eigenes Gelenk behalten. Der Kontakt mit Floyd Landis ehemaliger Tour de France Gewinner hat mir neue Perspektiven eröffnet, mit einer Hüftprothese zu leben. Auch da vergleicht man sich: Er konnte mit einem Oberflächenersatz auskommen, ich benötigte eine Vollprothese. Was will ich damit sagen? Junge Patienten kommen auf mich zu, die vor der Entscheidung stehen ein künstliches Kniegelenk zu bekommen und sie identifizieren sich mit meiner Geschichte. „Du hast es gut, Du hast wenigsten eine neue Hüfte und nicht ein neues Knie," sagen sie. Und ich sage euch: Unser Verstand sucht und findet immer Dinge, die bei anderen besser sind. Das heißt nicht, dass es wirklich besser ist, nur unterschiedlich. Also, lasst uns das nehmen, was wir haben. Von dort beginnt der Weg.

14.10.2009

Ich glaub mich tritt ein Pferd! Während des Schwimmtrainings schließt meine Hüfte Bekanntschaft mit dem Fuß eines kraftvoll tretenden Nebenschwimmers. Volltreffer. Im ersten Moment traue ich mich nicht hin zu spüren. Schmerzen? Ähh, nein. Nichts passiert. Es ist an der Zeit loszulassen und nicht mehr ständig in den Kategorien Hüftprothese zu denken. Ein Leben mit gedanklichen Einschränkungen ist einfach nicht so spaßig. Rock ´n Roll!

10.10.2009
Vor 18 Monaten veränderte ein Aufprall aus 10 Meter Höhe schlagartig und kompromisslos mein Leben. Ich definierte mich über den Sport. Plötzlich war die Basis meiner Existenz entzogen. Was nun?
Evident, aber das Leben geht weiter. Die Niederlage wurde zur Herausforderung, die Herausforderung ergibt neue Möglichkeiten. Tagtäglich stehen wir vor Herausforderung, wir müssen sie nur erkennen und nützen - wenn wir wollen!

5.10.2009
Wer hätte gedacht, dass es noch Menschen gibt, die sturer sind als ich und noch mehr Widerstand gegen ein künstliches Gelenk leisten. Und sie haben alle so Recht, jeder Einzelne. Es ist eine verantwortungsvolle Entscheidung, die einem niemand abnehmen kann. Wie viel man darüber wissen möchte hängt von einem selbst ab. Mehr Information macht die Entscheidung nicht unbedingt leichter. Mir halfen Geschichten von Sportlern, die mein Herz berührten und stärker waren als alle Zweifel an den Fortschritten der Medizin. Einige Menschen erkennen sich in meiner Geschichte wieder. Wenn man sich ertappt, dass Beschwerden die glücklichen Momente überwiegen, dann sollte man etwas verändern.

28.9.2009
„Ist das nicht ein Therapiebecken?" fragte eine ältere Dame, als ich angekrault komme und zur Wende ansetze. Therapie ist relativ, einige verbinden damit das Liegen im Wasser mit gelegentlichem Versetzen des Körpers in minimale Schwingungen. Bestens, wenn es dem Wohlfühlen dient, dann dient es auch der Heilung. Für mich ist es die Bewegung. Schade nur, wenn diese unterschiedliche Auffassung zur Basis einer andauernden Nörgelei wird. Meistens jedoch freuen sich die Patienten mit mir, wie ich eine Bahn nach der anderen ziehe und fühlen sich ein bisschen mobiler und ein bisschen sportlicher. Wie bei der Sportschau!

26.9.2009
Die Aufmerksamkeit ist wieder draußen im Leben. Die Zeiten, in denen sich alles um die Hüfte drehte sind vorbei. Energien, die zuvor komplett in den Schmerz strömten sind frei und suchen nach Verwendung. Noch ist nicht alles wieder normal und ich bemerke wie ein Funke in mir wächst, dass der träge Alltag mich verschonen möchte. Wie schön ist es, wenn der Schmerz nachlässt, aber wie schnell haben wir das wieder vergessen und Probleme stehen im Vordergrund, die eigentlich total unwichtig sind. Eine Verletzung lässt einen klar sehen. Es wäre schön, wenn man auch ohne dieses Werkzeug auskommen könnte.

Healing Vibrations - Mein Genesungstagebuch

20.9.2009
Und ich dachte der Spaziergang geht weiter...
Seit einigen Tagen bringe ich volle Belastung auf mein Bein. Für ein paar Schritte lege ich die Stützen beiseite und in meiner kindlichen Naivität erwarte ich, dass ich laufen kann wie ein Topmodel über den Laufsteg. Die Wirklichkeit sieht anders aus und im ersten Moment bin ich ein bisschen enttäuscht. Okay, 16 Monate verbrachte mein Körper in einem ‚Hinkmodus'. Die Operation hat die Ersatzteile erfolgreich ausgetauscht. Jetzt beginnt die Zeit in der sich das Gehirn wieder daran erinnern wird, wie es denn war, als ich lieber rannte als ging. Und es wird die dafür nötigen Impulse an die Muskeln schicken.

16.9.2009
Das Kind in mir kehrt zurück. Mein Umfeld steht vor der schwierigen Aufgabe mich von jeglichem Blödsinn abzuhalten. Was für ein Leben ohne Schmerzen. Welch Aufgebot an Energien, Ideen und frischen Taten. Den Zustand der Lebendigkeit spürt man erst, wenn man sich darin befindet. Dann blickt man zurück und sieht die körperliche und seelische Taubheit in der man sich befand und die an der nächsten Ecke schon wieder lauert, um einen wieder zu vereinnahmen.

Eine kleine Geschichte über Titanhüften

 

Es war einmal ein Femur, ein Hüftkopf und ein Acetabulum. Die Drei hatten sich sehr lieb. Eines Tages kam ein großer Sturm auf und sie wurden auseinander gerissen. Sie irrten umher, ertrugen heftigste Schmerzen, bis sich der Femur eines Tages entschloss, eine gute Fee um Rat zu fragen. Diese wunderbare Gestalt hinter ihrem Mundschutz und Häubchen lud ihn ein in die geheimnisvolle Welt der Titanprothesen. „Ich muss mein Team wieder finden und wenn ich dafür sterbe," entgegnete der Femur, „zarte Fee, nimm mich mit!"
Auf Wolke sieben in schwindelnder Höhe platzierte sie sorgfältigst einen edlen Titanstiel passend inmitten des Femurs. Darauf setzte sie einen rosaroten Keramikkopf und fräste mit ihren filigranen Fingerchen eine Vertiefung ins Becken. Die Verbindung war geschaffen. Der Femur war begeistert von dem neuen Hüfkopf in seinem farbenfrohen Outfit. Das Acetabulum hieß die beiden in der neu geformten Pfanne willkommen.
An diesem Abend wurde lange gefeiert und wenn man genau hinhört, dann könnt ihr den Osteoblasten lauschen, wie sie vorsichtig die neuen edlen Teilchen beäugen und eine ewige Freundschaft schließen. Und so lebten sie in Frieden und ohne Abrieb bis an ihr Lebensende.

9.9.2009
Tilli ist 10 Jahre alt. Vor 2 Wochen wurde sie ebenfalls an der Hüfte operiert und muss 6 Wochen lang das Bein entlasten. Weitere Operationen bis zum Wachstumsende stehen ihr bevor. Gestern sagte sie zu mir: „Ich hätte auch gerne so eine Plastik-Hüfte wie Du!" Wie sie fröhlich mit ihren Stützen spielt, nicht zu weit in die Zukunft blickt und die Dinge nimmt, wie sie kommen, fasziniert mich. Nicht das was wir haben, sondern wie wir darüber denken und wie wir damit umgehen, macht den Unterschied.

 

 

5.9.2009
Trotz Tippbelastung des rechten Beins fühle ich mich unglaublich sicher in meinen Bewegungen. Das gab den Anlass zur ersten Übernachtung im Bus. Pssst! Gestern an der Alster, heute auf Fehmarn. Unwahrscheinlich, welche Einschränkungen ich vor der OP duldete und wie frei ich mich jetzt fühle. Und ich bin erst am Anfang!

 

 

30.8.2009
Übers´Wochenende zuhause und ab an Strand. Wow, eine gute Woche ist vorbei und ich stapfe schon durch den Sand - ganz vorsichtig! Oft werde ich gefragt, wie sich so ein künstliches Gelenk denn anfühlt. Ist das ein Fremdkörper? Nein, im Vergleich zu den letzten Wochen vor der Operation empfinde ich pure Harmonie und Balance im Hüftgelenk. Normal kann so aufregend sein!

 

 

26.8.2009
Verstoß gegen die Regeln - heute hat es 2 Mal geblitzt. Ob es das nächtliche Schlafen ohne Beinschiene ist, oder das Liegen und Verbiegen in Bauchlage, mein Übermut scheint ein bisschen mit mir durchzugehen. Ich fühle mich gesund und kräftig wie schon sehr lange nicht mehr und da soll ich mich zurück halten? Ich stoße an meine Grenzen. Interessanterweise lässt mir Dr. We a. N. dieses Feedback zukommen ohne dass ich mich schlecht fühlen muss - es sitzt, ich strahle und habe Lust etwas daran zu ändern.

 

 

24.8.2009
Südwest 5 Windstärken, blauer Himmel und Sonnenschein..... die Jungs sind schon auf dem Wasser. Beobachte die Ostsee-Schaumkronen von meinem Bett aus und sehe mich schon wieder über das Wasser gleiten, vom Druck des Kites gezogen - in der Welle auf den herrlichsten Atollen der Welt.

 

 

23.8.2009
Titan Pieper steht wieder senkrecht! Ich bin fassungslos, wie schnell ich wieder auf die Beine komme. Kein Vergleich mit der Operation nach dem Unfall. Mein Team in Neustadt liefert eine spitzenmäßige Leistung - alle. Die Intensität konnte ich spüren, die Klimaanlage im OP lief auf Volltouren und nach einem anästhetischen „Gut´s Nächtle" befand ich mich in höheren Sphären. Mein Operateur (top secret - auf Nachfrage) übergab mir nach einem nicht ganz einfachen aber genial operierten Eingriff den Hüftkopf, oder das, was davon noch übrig ist. In Formaldehyd eingelegt hat er sein Plätzchen gefunden und kuschelt nun mit dem Neuen Testament im Klinikregal.

 

 

20.8.2009

Narkose 7:35 Uhr, Schnitt 7:50 Uhr, dann Amnesie, mentaler Generalausfall und man erwacht wie in einer neuen Welt, warm gebettet auf der Überwachungsstation.

18.8.2009
Letzte Nacht träumte ich von dem bevorstehenden Ereignis. Ich lag einerseits auf dem OP-Tisch, die Operation in vollem Gange und im selben Moment stand ich mit am Tisch und assistierte meine eigene OP. Na, wenn das mal nicht Personal spart!
Trotz - oder gerade wegen dem Insiderwissen breitet sich Nervosität aus und ich bin sehr dankbar über meinen Operateur, der mich auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Ich kann Euch sagen, kurz vor knapp fallen einem die abgefahrensten Ideen ein! Klare Ansagen und eine konsequente Führung bringen einen wieder auf den angestrebten Weg zurück. Entspann dich Anne und sei Patient wie die anderen auch. Los geht´s!

 

 

10.8.2009
Schäumende Nordseewellen, fliegender Sand und Salzwasserbläschen, Sonnenschein und flitzende Schäfchenwolken am Himmel. Das ist Helgoland und meine Vorbereitungsstätte für die anstehende Operation. Ob im herrlichen Meerwasserschwimmbad unter den scharfen Traineraugen von Dr. Müller oder beim aufregenden Wellenbaden am Nordstrand - im Wasser sind die Schmerzen ertragbar.
Der Entschluss zur OP macht mich frei, ein neues Ziel schiebt sich in den Vordergrund und die volle Konzentration darauf gibt mir Kraft und Zuversicht.
Vielen Dank für Eure Unterstützung zum Projekt „Better than ever"! Oder sollte ich sagen „Titan-Pieper"?

 

 

29.7.2009
Die Zeit ist gekommen und ich habe mich entschieden. Werde mit Hilfe eines künstlichen Gelenkes und etwas Titan anstelle des abgestorbenen Knochens eine neue Richtung einschlagen. Diese Wahl wuchs in mir und ich misse keinen Augenblick in dem ich mich hätte früher entscheiden können. Alles kommt zu seiner Zeit. Dieses neue Ziel ist aufregend und mein Augenmerk liegt nun in einer optimalen Vorbereitung. Deshalb bin ich nach Helgoland gereist und verbringe wieder einmal viel Zeit im Wasser, um mit einem möglichst stabilen Muskelkorsett in die Operation zu gehen. Beim Gehen fliegen mir buchstäblich die Schrauben um die Ohren und man könnte meinen in meiner Hüfte existiere ein kleines Schrothäufchen an Altlasten. Knirsch.....

 

 

18.7.2009
Als ich mich auf den Weg nach Maui machte beherbergte ich folgende Vision: Finde Deine innere und äußere Kraft und entferne Dich weiter von dem Gedanken einer Hüftprothese. Aufbau der Muskelstärke war keine Herausforderung, die innerliche Auseinandersetzung mit der Verletzung und der spezifische Blick nach vorne schon. In den letzten Wochen passierte Erstaunliches: Ich traf Menschen, die mir mit Hilfe ihrer eigenen Geschichten und Erzählungen über andere Personen, eine andere Perspektive eröffnen konnten. Auf gewisse Weise erleichtern mir „Vorreiter" und Persönlichkeiten, die einen ähnlichen Weg bestreiten den eigenen. Also, hier bin ich wieder in Neustadt an der Ostsee und mache mir keine Gedanken über Haie oder einen ordentlichen Surf während den täglichen Ausflügen im Meer. Zum ersten Mal sehe ich die Möglichkeit einer prothetischen Versorgung als eine Option, die mir weiterhelfen wird und nicht als einen Feind, gegen den ich jede mögliche Waffe erhebe. Leben ist Veränderung und es gibt Veränderungen, die Zeit benötigen um zu reifen.

 

 

22.6.2009
Es lässt sich nicht von der Hand weisen, Erfolge sind ersichtlich. Fortschritte wie das Surfen in den Wellen zeigen mir eine Richtung an über die ich mich freue. Realistisch gesehen fällt mir die Vorstellung schwer, dass ich ohne weitere Operation zu dem Erfolg komme, der mir für meinen weiteren sportlichen und beruflichen Alltag vorschwebt. Seitdem ich diesen Gedanken ohne größeren Stress denken kann fühle ich weniger Druck in der Heilung und mehr Freiheit im Umgang mit meinem Körper. Als die Wellen so anrauschten, mal angenehm hoch und mal zu hoch, erkannte ich, dass ich hier im Wasser mit allen anderen Surfern einfach eine ganz normale Person bin, auf die keine Welle Rücksicht nimmt - Hüfte hin oder her.

 

 

10.6.2009
Meistens schreibe ich Euch, wenn es mir gut geht oder ich durch ein Tief gegangen bin. Gestern erhielt ich ein niederschmetterndes Feedback von jemandem, der „nur" mein Röntgenbild gesehen hat. Und diese Personen liegen nicht falsch indem was sie sagen, vor einem guten Jahr wären dieselben Worte aus meinem Mund gekommen. Ich spüre, wie sie mir jegliche Zuversicht rauben und wie ich Schmerzen sofort anders deute und mir Sorgen mache. Im Endeffekt treffen uns Meinungen von anderen Menschen täglich. Nur wenn wir das Bewusstsein dafür entwickeln und wach werden wie es unsere Stimmung prägt, erst dann können wir etwas daran ändern und versuchen von einem klaren Standpunkt aus zu agieren. Na Anne, wenn das mal so leicht wäre. Es klappt gelegentlich - ganz gelegentlich!

 

 

23.5.2009
Man erkennt mich an meinen beiden verschiedenen Badelatschen. Manche denken tatsächlich das sei ein neuer Modegag, tatsächlich trage ich unterschiedliche Schuhe wegen der Beinlängendifferenz. Das Laufen im Sand, im türkisen Wasser gegen die Strömung und auf unebenem Gelände verlangen meinem rechten Bein vieles ab. Diese Herausforderungen kombiniert mit der Feldenkraisarbeit führen zu einem klareren Gangbild und zu weniger Schmerzen. Soweit bin ich zufrieden, na ja, es könnte immer schneller gehen...

 

 

20.5.2009
Maui, Hawaii. Die Feldenkrais Arbeit, die mich hier erwartet ist der eine Bonus, der Spirit der Surfer ein weiterer und diese gute Mischung bringt mich auf die Insel, die ich als Surfer schon lange einmal bereisen wollte. Untypisch für die Jahreszeit hatten wir North Swell. Als ich dort so stand unter den Locals mit ihrem Surfboard unter dem Arm auf dem Weg zur perfekten Welle, verspürte ich Wehmut. In einem Moment kann ich keinen Moment mehr warten, bis ich endlich zu meiner Kraft zurück finde, im anderen Augenblick kann ich es hin nehmen. Paradox irgendwie. Wie im richtigen Leben liegt das Gegensätzliche ziemlich dicht bei einander.

 

 

7.5.2009

Es ist ein Auf und Nieder. Kaum habe ich die Zeit genossen, während der ich fast schmerzfrei kurze Strecken laufen konnte, schon falle ich wieder in alte Schmerzmuster zurück. Ich bin mir bewusst, dass das Umfeld in dem ich mich aufhalte einen großen Einfluss darauf hat. Dennoch ist mir Leiden fern. Mehr denn je schätze ich den Augenblick, auch wenn ich eingeschränkt bin. Es gibt Menschen, denen es deutlich schlechter geht. Im Grunde leiden wir nur dann, wenn unsere Überzeugung mit dem, was wirklich ist, nicht im Einklang ist. Seit heute befinde ich mich in Behandlung bei einem sehr erfolgreichen Akupunkteur. Es ist für mich sehr interessant all diese für mich neuen Bereiche der Medizin kennen zu lernen und zu erfahren.

10.4.2009
Vor einem Jahr hat mein Leben diese Wendung eingeschlagen. Alles ist anders, nichts ist mehr wie es war. Jeder Moment war intensiv und hat mich weiter gebracht. Momente der puren Freude und Zuversicht aber auch die Trauer und der innige Wunsch morgens aufzuwachen und einfach loslaufen zu können gehören dazu. Das Leben ist voller Überraschungen für jeden von uns. Es liegt an uns, wie wir damit umgehen. Meckern hilft weder uns noch unserem Umfeld. Entweder wir packen es an und ändern etwas an der Lage oder wir akzeptieren es und schaffen dadurch eine Basis, auf der Neues wachsen und gedeihen kann.

 

 

7.4.2009

Endlich wieder erste schmerzfreie Meter ohne Stützen. Ich danke allen Menschen in meinem Umfeld, die trotz der ernüchternden Diagnose weiter an meine Genesung glauben. Mein medizinischer Verstand sagt mir, dass eine Prothese die einzige sinnvolle Therapieoption darstellt. Mein Instinkt sagt mir, dass diese Operation, die ich bis ins kleinste Detail kenne, für mich nicht in Frage kommt. Ich will nicht. Deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht, um zu sehen, wo ich hinkomme, wenn ich mein medizinisches Wissen teile. Vor ein paar Tagen war ich in der französischen Schweiz und besuchte einen Schamanen. Heute bin ich auf der Fraueninsel am Chiemsee und arbeite mit dem Schüler von Moshe Feldenkrais. Ich genieße die Zeit und finde jede Begegnung mit diesen faszinierenden Menschen unglaublich spannend. 

20.3.2009
Letzte Woche erhielt ich die erschütternde Nachricht, dass die von Anfang an prophezeite Komplikation einer Hüftkopfnekrose eingetreten ist. Ich fühlte mich wie nach einer schweren Niederlage im sportlichen Wettkampf. Diese Diagnose bedeutet, dass ich in absehbarer Zeit ein künstliches Gelenk benötigen werde. Schock, Alarm und Trauer bilden ein Wechselbad der Gefühle. Jetzt, ein paar Tage später fühle ich wieder Zuversicht und Kraft. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den Weg der Natur anzuerkennen. Wieder einmal sage ich mir: Mach das Beste daraus! Je mehr ich der Situation nachgebe und den surrealen Kampf aufgebe, desto besser fühle ich mich. Ein                                               Kollege sagte zu mir: Anne, die Scheiße in der Du heute steckst ist der Dünger für                                                     morgen!

 

 

18.2.2009
Zurück an der Ostsee pfeift der kalte Wind ganz hübsch um die Ohren. Seit Tagen bleibt der Schnee liegen. Die Schmerzen nehmen wieder zu, ich sehen keine länger anhaltenden Fortschritte seit November und dies bringt mich zu dem Entschluss, den Arbeitsversuch abzubrechen. Es ist eine Niederlage. Dennoch fühle ich eine große Erleichterung in der Entscheidung. Mein Körper zeigt mir anhand eines sensiblen Schmerz-Barometers wohin der Weg geht. Dieses neue Umfeld gibt mir Zeit für Projekte. Die Herausforderung besteht darin diese so aufregend zu gestalten, dass die Schmerzen zur Nebensache werden. Sobald wir unser Vergnügen finden verlassen wir das Gebiet des Leidens und der Unlust.

 

 

2.1.2009
Ortswechsel. Wärme, Sonne und ein 25 Meter Becken, in dem ich genüsslich meine Runden kraulen kann. In diesem Umfeld fühle ich mich kaum noch verletzt. In einem inspirierenden Team besprechen und planen wir Projekte. Auf einmal ist etwas aufregender und interessanter als die tägliche Frage: Was machen die Schmerzen? Unsere Aufmerksamkeit wandert dorthin, wo wir die größte Attraktivität finden.

 

 

2.12.2008

Seit einem Monat arbeite ich wieder als Ärztin mit einigen Stunden im Klinikum Neustadt. Das ist ein großer Erfolg und ein weiterer Meilenstein. Dennoch erfordert meine Situation enorme Disziplin. Patienten fragen mich, wenn ich hinkend an ihnen vorbei laufe, ob ich denn hoffentlich auch bald einen OP Termin bekommen würde. Anfangs trifft es Dich mitten ins Herz, mit der Zeit entwickelt man seine Strategien und lernt damit umzugehen. Manchmal möchte man am liebsten alles hinwerfen und das tun, was andere Kranke machen: relaxen. Ich kämpfe weiter und erfahre dafür jeden Tag Kraft spendende Zusprüche von meinen Kollegen einen riesigen Halt in meinem Team. 

21.10.2008

Täglich erreichen mich mails und Grüße von Menschen, die ich schon lange kenne oder aber von welchen, die per Zufall auf meine Seite stoßen und interessiert meine Geschichte lesen. Vielen Dank! Jeder einzelne Zuspruch, jede aufbauende Anerkennung tragen zu meiner Genesung bei.

Seit ein paar Tagen sitze ich wieder auf meinem Pferd und lasse mich therapeutisch über die Felder führen. Er kann es noch nicht ganz verstehen, weshalb wir nicht wie früher im Galopp lospreschen und tänzelt aufgeregt auf der Stelle. Ruhig Brauner, laß dem Polytrauma noch ein paar Wochen Zeit!

 

10.10.2008

Ein halbes Jahr später: Für mich, meine Ärzte und Therapeuten, Freunde und Familie klingt es wie ein Wunder. Ich stehe, laufe und hüpfe schon wieder auf meinen eigenen Beinen – vorsichtig. Wir alle hätten es nicht zu träumen gewagt, was mein Körper gemeistert hat. Diese Sichtweise, die mir der Unfall auf meinem Fachgebiet der Medizin beschert hat, ist ein Erfahrungsschatz, der meine Arbeit als Ärztin von anderen Schulmedizinern und Therapeuten abheben wird. Alles ist möglich und ich sehe es als meine Aufgabe, keinem Patienten diese Illusion zu nehmen, sondern ihn auf die Art und Weise zu unterstützen, wie es für ihn richtig ist.

 

5.10.2008

Seit 2 Wochen bin ich auf Ibiza, dem Ursprung der ganzen Geschichte. Interessanterweise fühlt es sich an unterschiedlichen Plätzen oder beim Treffen von Menschen von der Insel, mal ewig her und mal wie gestern an. Daran sieht man mal wieder welchen großen Einfluss unsere Emotionen auf unser Empfinden haben, objektives Betrachten ist kaum möglich.

Wie schon während meines Krankenhausaufenthaltes angedacht, habe ich meine innere Herausforderung angenommen und bin von einer vorgelagerten Insel (Es Palmador) nach Formentera geschwommen. In Begleitung eines Schlauchbootes und entlang der Küste Formenteras genoss ich das kristallklare Wasser. Trotz herrlichem Sonnenschein und wenig Wind hatte ich mit Strömungen zwischen den Inseln und kleinen Wellen zu kämpfen. Nach 1,5 Stunden war diese Trainingseinheit vorüber und ich meiner Zuversicht in meinen Körper einen weiteren Schritt weiter.

10.9.2008

5 Monate sind vergangen und ich bin sehr stolz auf das, was mein Körper erreicht hat. Diese erfahrungsreichste Zeit in meinem bisherigen Leben möchte ich nicht missen. Viele Menschen fragen mich andächtig, wie ich denn mit der Langweile des Krankseins umgehen würde. Spannend, als ich in der Klinik als Ärztin arbeitete fragte mich jeder, wie es denn möglich sei, meine täglichen sportlichen Trainingseinheiten unterzubringen. Jeder schafft seine eigene Wahrnehmung in seiner Realität. Wie Du Dinge erleben möchtest entscheidest Du allein.

Mein Röntgenbild zeigt das Endprodukt aus Frakturen des Kreuzbeins, des Schambeins, des Hüftkopfes und des Schenkelhalses. Mein kleines inneres Kunstwerk.

29.8.2008

Rechts ist Gas. Die Anstrengungen des täglichen Schwimmtrainings zeigen Erfolge: Beinschlag, mit Flossen, gegen Widerstand, Sprint! Eine geht noch, höre ich meinen Trainer rufen. Manchmal willst Du nicht mehr, wozu die Anstrengung, innerlich denke ich bloß nicht noch eine Bahn. Ich kämpfe, jetzt bloß nicht schlapp machen, dann die Entspannung: Ausschwimmen, Sauna, Ruheraum. Nach Höchstleistungen sind Geist und Körper im Einklang. In diesem Zustand der inneren Harmonie können wir klar denken. Diese Ruhe ist herrlich und jede Anstrengung zuvor wert. Das 5 wöchige Training hat mich weiter gebracht, ich spüre mich dem Alltag etwas näher, dem Alltag ohne Routine.

20.8.2008

Kitebedingungen auf der Düne: Siedshore Wind, Flachwasser hinter der Mole, daneben ein klarer Nordseeswell mit lang auslaufenden Wellen. Mein Herz schlägt höher, zusammen mit einer kleinen Portion Wehmut. Hier habe ich meine schönsten Tage beim Surfen erlebt.

Das Kurzvideo unter www.finishstrongmovie.com hat mich sehr berührt, jetzt geht es darum wieder zur eigenen Kraft und Leistung zurück zu finden. Oft denke ich: Das gröbste ist überstanden, nein, jetzt heißt es jeden Tag aufs Neue die Herausforderung zu sehen und anzunehmen. Alles ist möglich, man muss es nur wollen.

14.8.2008

Helgoland im Sturm: Böiger Wind, Sonne und Wolken, salzige Gischt der tobenden See. Das lässt meine Energiereserven voll tanken.

Mit meinen Stützen komme ich ohne menschliche Stützung nicht gegen den Wind an. Dennoch schenkt mir dieses Gefühl der Machtlosigkeit eine tiefe Stärke und meine Freudenschreie werden vom Wind weg getragen. Momente in denen sich Deine Hand zwischen Krücke und Geländer entscheiden muss, um nicht zu stürzen, oder Dein Körper plötzlich einige Meter nach vorne gestoßen wird und unfähig ist, die Stützen im gleichen Tempo unter den Schwerpunkt zu bewegen, da bist Du präsent. Kein Platz für Fragen: Wann sind die Schmerzen endlich weg, wann kann ich wieder normal gehen, wann ist alles verheilt? Das ist der Grund weshalb wir nach jedem Abenteuer, sei es auch nur ein Spaziergang im Sturm, klar und präsent im hier und jetzt sind. Diese sorgenfreien Momente wahrzunehmen ist ein Schritt in die richtige Richtung.

13.7.2008

Meine erste Reise bringt mich in die Schweizer Alpen nach Champex. Dort treffe ich interessante Menschen, die sich ebenfalls mit dem Gedanken befassen, dass die Heilung in unserem Kopf und in unserer Wahrnehmung stattfindet. Unser Gehirn und Nervensystem kann nicht immer eine imaginäre Situation von einer tatsächlich geschehenen unterscheiden. Ein Bild oder eine verbale Andeutung kann nicht unbedingt von einer realen Situation abgegrenzt werden. Das ermöglicht uns ein immenses Spektrum an Fortschritt sei es im Sport oder während der Heilung von Krankheiten. Während der 4 Wochen, in denen ich mich nicht bewegen konnte bin ich gedanklich etliche Kilometer geschwommen. Meine Therapeuten waren erstaunt als ich das erste Mal ins Schwimmbecken gestiegen bin und auf Anhieb los kraulte. Erstaunlicherweise habe ich kaum die dafür nötigen Muskeln verloren, noch mangelte es an der Technik und Koordination. Unsere Vorstellung von der Realität kreiert sie.

29.6.2008

Zuhause bei Haus und Hof. Nach fast einem viertel Jahr nicht jeden Morgen um 6:30 Uhr aufstehen, schlafen in einem normalen Bett und keine tägliche Visite. 120 Bauchspritzen gegen Thrombose liegen hinter mir. Also, Zeit für einen neuen Haarschnitt!

Dennoch, keine Zeit ist besser oder schlechter. Es liegt an einem selbst immer wieder Augenblicke zu finden, die einen genießen lassen. Amuse yourself! 

 

25.6.2008

Ein Röntgenbild hat sich in den Weg der euphorischen Besserung gestellt. Mein Röntgenbild. Frakturenden, die noch nicht miteinander verknöchert sind haben mich von meinem Höhenflug erneut zu Fall gebracht. Sie haben es zumindest versucht! Objektive Beobachter wiesen mich in die Schranken: Es ging dir gut vor dem Bild, du verkörperst Kraft und Mut. Es hat sich nichts verändert, kein Sturz, keine falsche Bewegung, nur ein Bild. Es liegt mal wieder an mir, meine Welt als Mediziner beiseite zu lassen, auf meinen Körper zu hören und nicht jede mir bekannte „Nebenwirkung“ ins Bild zu lassen.

 

17.6.2008

Das Erwachen jeden Morgen bringt mich zurück auf den Boden der Realität. Irgendwie kann ich mir vorstellen, dass ich auf einmal einfach aus dem Bett hüpfen könnte. Vorsichtig beuge ich meine Hüfte, vielleicht klappt es ja heute ohne Schmerzen? Langsam taste ich mich ran, sorgfältig versuche ich zu spüren, was mit meinem Bein vor sich geht. Körperbewusstsein. Physische Intelligenz. Das ist die vielleicht größte Herausforderung in meiner momentanen Heilungsphase. Klar kenne ich als Sportler meinen Körper, aber weiß ich wirklich wann er erschöpft ist, wann das Übungspensum erreicht ist, wann er nach Neuem, wann nach Gewohntem verlangt? Mein Unfall macht mich sensibler und öffnet mir den Weg raus aus der „Taubheit“ mit der wir Extremsportler gerne unseren Körper fit halten. Der breiten Masse geht es nicht besser, auch sie hat verlernt auf den Körper, auf den Instinkt zu hören. Wir Deutschen sind vermutlichen die am meisten kopfgesteuerten Menschen! Und wir machen unsere Arbeit gut!

 

 

10.6.2008

Ein Highlight der ersten Woche Rehabilitation: Stand ohne Stützen am idyllischen Albsee. Neuauftretende Schmerzen quälten mich letzte Woche, woher, warum? Hüftkopfnekrose, dieses Wort höre ich von allen Seiten. Meine ansonsten sehr positive Einstellung minimiert sich, ich fühle mich wie ganz am Anfang, mein Umfeld an Freunden und Therapeuten inklusiv. Realistisch gesehen: Das Risiko besteht eindeutig, aber ändere ich etwas daran, indem ich mich dem Ganzen hilflos ergebe? Na also: Weiter kämpfen, das Positive suchen und das, was nicht funktioniert nicht verdrängen, sondern anerkennen. Das ist der Weg, das Ding zu drehen. Plötzlich sieht mich mein Team wieder in anderem Licht, nicht die Anderen sind für mich verantwortlich, ich bin es. Als Sportler weiß ich mit Niederlagen umzugehen, als Mediziner lerne ich mit der gesteigerten Sensibilität betroffener Patienten umzugehen und prägende Diagnosen mit Vorsicht zu äußern.

 

24.5.2008

Einen Tag Landluft schnuppern, zuhause bei Pferd und Hund.

Dis-ease bedeutet die Erkrankung, das Unwohlsein. Eigentlich weißt es auf die Stelle hin, die nicht in Ruhe ist, die nicht erfüllt ist mit Leichtigkeit (=ease). Als Ärzte stürzen wir uns auf diese Stellen. Als Coach verlagern wir die Aufmerksamkeit auf die Bereiche in denen wir Freude, Leidenschaft und Leichtigkeit spüren. In meiner Lage als Patient spiele ich mit beiden Seiten und wir fällt auf, je mehr ich die funktionierenden Bereiche wertschätze und die funktionseingeschränkten Teile nicht schlecht mache, umso besser spielt das gesamte Team zusammen. Bildlich gesprochen lernt meine operierte Hüfte von der nicht-operierten Seite in puncto Funktion, Durchblutung, Schmerz und Struktur. Dieser Unfall hat mich zum Coach meines Körpers gemacht und meine Aufgabe besteht darin, das Team zum Worldcup zu führen.

19.5.2008

Wie neugeboren durfte ich heute die Einheit meines Körpers mit dem Wasser spüren. Das Gehen ist schwerelos, die Übungen wie ferngesteuert und das Wasser wie ein Meer aus weichen Wolken um einen herum. Dennoch konnte ich es nicht abwarten die langweiligen Übungen abzuschließen und einzutauchen, richtig zu schwimmen, meine langersehnten Bahnen zu kraulen! Das ist meine Neugeburt, das ist mein Element und das ist mein Ziel: Das Langstreckenschwimmen von Ibiza nach Formentera. Wer hinter mir steht spielt mit, wer sich mir in den Weg stellt wird überrollt.

You can win or you can whine!

11.5.2008
Ein Monat ist nun seit der Operation vergangen und zum ersten Mal hat mich die Natur mit meinen eigenen beiden Beinen wieder. Das Grün der Wiese, das Blau des Himmels und der Wind der zwischen den Komplexen hindurchzieht lassen meine Sinne neue Höhepunkte erleben. Mit spielerischer Leichtigkeit arbeiten Körper und Geist zusammen, von Anfang an. Die Frakturen habe ich nie als Manko oder Schwachstelle angesehen, vielmehr habe ich meinen Knochen die Heilung als Herausforderung vorgestellt bei der die Unterstützung des gesamten Körpers gegeben ist. Meine Operateure waren erstklassig, der Rest liegt an mir, los geht´s!

 

 

 

7.5.2008

Die Welt liegt mir zu Füßen! Der erste Tag an dem ich einen Schritt vor die Tür gesetzt habe und in Kontakt mit anderen laufenden Wesen gekommen bin. Auf einmal erscheine ich riesig, wie langgezogen und mein Umfeld klein und abgeschnitten. Der Perspektivenwechsel aus liegender Position, in der jeder auf dich hinab blickt hin zur Senkrechten ist gewaltig. Nun ja, das rechte Bein scheint auch 2 cm länger nach der Operation....

5.5.2008

Nach fast 4 Wochen bin ich heute drei Schritte nach vorne und drei Schritte zurück gelaufen. Welch Wahnsinnsleistung meines Körpers mich für wenige Minuten in der Senkrechten zu halten. Der Augenblick zu stehen und die Machtlosigkeit nicht zu wissen wie lange die Durchblutung des Gehirns der Schwerkraft statthält bevor man in sich zusammen sackt ohne willentlich eingreifen zu können, das ist eine weitere Erfahrung auf dem Weg in die Gesundheit zurück. Euphorisch ging ein Raunen durch meinen Körper als ich seit langem wieder meine Laufschuhe an den Füßen spüren durfte. Normal und doch ein unvergesslicher Augenblick. Der Weg liegt vor mir!

3.5.2008

Das Foto der ersten Delfine vor Ibiza hat mich heute erreicht. Allein deren Anblick läßt meine Heilung fortschreiten. Die Vorstellung ihrer Bewegung aktiviert meine Bewegungsmuster von Kopf bis Fuß. Ein Großteil meiner physischen Übungen besteht darin mir Bewegungen vorzustellen. Das aktiviert Nerven, die Impulse zu den jeweiligen Muskeln weiterleiten und das wird unter anderem die Grundlage bilden für die ersten Schritte kommende Woche. Bewegungsausmaße können so minimal sein, daß wir sie nicht wahrnehmen können, dennoch leistet unser Körper wie in meinem Fall Höchstleistungen. Dafür erkenne ich ihn an und ich zeige ihm, daß ich mit seiner Leistung zufrieden bin. Wenn es an einem Tag mal nicht so klappt mache ich meine verletzten Körperteile nicht schlecht, sondern gebe ihnen Verständnis und Mitgefühl entgegen. Ich erkenne sie auch dafür an. Diese Leichtigkeit ist wie aus dem Wasser springende Delfine.

Nun aber zu meinem neuen Titel "Healing Vibrations". Kurz vor meinem Unfall kreierten mein Coach Martin Sage und ich ein neues Projekt, das meine Erfahrungen in der Medizin, dem Coaching und dem Körperbewußtsein durch den Sport vereinen soll. Und dann passierte die Situation, die mich jetzt genau das erleben läßt, das ich eigentlich als Außenstehende meinen Kunden und Patienten gerne näher gebracht hätte. Jetzt lebe ich meine Healing Vibrations und berichte darüber in meiner TV Show www.mogulus.com/healingvibrations

Seit 20 Tagen bin ich nun ans Bett gefesselt und weitere 7 stehen mir noch bevor. Dennoch bin ich guter Stimmung und ungemein stolz und neugierig auf meinen Körper. Die Operation verlief sehr gut, die Röntgenbilder sehen mit den korrekt angeordneten Schrauben wie ein Meisterwerk aus. Jetzt muß alles heilen und ich werde zum Coach meines Körpers, der jedes Körperteil als Teammitglied wertschätzt und jedem das gibt was er braucht. Es geht darum, die Verantwortung für sich zu übernehmen und den Weg der Heilung anzutreten. Unterstützt werde ich dabei von meinem Team an Chiropraktiker, Businesscoach, Ernährungsberater und Osteopathen sowie von den Ärzten, dem Pflegepersonal und den Physiotherapeuten vor Ort.

Vom Krankenbett im Flieger nimmt mich mein Vater und sein Rettungsteam am Stuttgarter Flughafen in Empfang und ab geht´s auf schnellstem Wege in den OP. Derartige Situationen kannte ich bisher nur von der anderen Seite.

Nach dem Motto: "We must be willing to get rid of the life we´ve planned so as to have the life that is waiting for us" nehme ich diese neue Herausforderung in meinem Leben wahr.

Am 10.4.2008 erlitt ich auf Ibiza einen schweren Kiteunfall, der den Transport nach Deutschland zur Folge hatte und die traumatologische Versorgung in der BG Klinik in Tübingen. Der Flug im Jet war kurzweilig, das Ärzte- und Pilotenteam sowie mein Freund Philipp kreierten eine gute Stimmung und sorgten für eine gelassene Atmosphäre.

 

 

 

 

 

 

A surfer

A surgeon

An inspiration